ÖKOLOGISCHE, ÖKONOMISCHE UND SOZIALE EFFEKTE
Landschaftspflege ist weit mehr als das Mähen von Wiesen oder der Erhalt von Wegen: Sie wirkt als sozioökologischer Motor für ganze Regionen. Durch die bewusste Pflege von Kulturlandschaften entstehen stabile Ökosysteme, die Natur, Mensch und Wirtschaft miteinander verbinden. Gepflegte Landschaften erhöhen nicht nur die ökologische Qualität, sondern prägen auch das regionale Image, stärken die Identität der Bevölkerung und schaffen attraktive Räume für Erholung und Arbeit. In Zeiten von Klimawandel, demografischem Wandel und Strukturveränderungen im ländlichen Raum gewinnt Landschaftspflege eine neue strategische Bedeutung. Sie verbindet ökologische Verantwortung mit wirtschaftlichen Chancen und sozialem Zusammenhalt.
Regionen, die ihre Landschaft aktiv gestalten, investieren in Lebensqualität, Zukunftsfähigkeit und Resilienz. Die Effekte zeigen sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen: im Tourismus, in der regionalen Wirtschaft und im gesellschaftlichen Miteinander. Zusammengenommen entfaltet Landschaftspflege so eine nachhaltige Wirkung, die weit über den unmittelbaren Naturraum hinausreicht.

Tourismus
Eine gepflegte Landschaft ist ein zentraler Anziehungspunkt für den Tourismus.
Offene Weidelandschaften, intakte Wälder, blütenreiche Wiesen oder gut erhaltene Kulturlandschaften steigern die Attraktivität einer Region für Wandernde, Radfahrende und Erholungssuchende. Landschaftspflege sorgt für gepflegte Wege, Aussichtspunkte und naturnahe Erlebnisse, was die Aufenthaltsdauer und Wiederkehrrate von Gästen erhöht. Gleichzeitig ermöglicht sie die Entwicklung nachhaltiger Tourismusangebote wie Naturführungen, Agrotourismus oder regionale Themenwege. Dadurch entstehen zusätzliche Einnahmen, während der sanfte Tourismus die Umwelt schont und langfristig zur Wertschöpfung beiträgt.

Wirtschaft
Landschaftspflege wirkt als wirtschaftlicher Impulsgeber, besonders im ländlichen Raum.
Sie schafft Arbeitsplätze in Pflege, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor. Regionale Betriebe profitieren von Aufträgen zur Pflege von Flächen, Wegen oder Schutzgebieten. Gleichzeitig steigert eine attraktive Landschaft die Standortqualität für Unternehmen und Fachkräfte. Auch regionale Produkte – etwa aus extensiver Landwirtschaft oder traditioneller Bewirtschaftung – gewinnen an Wert und Vermarktbarkeit. Durch die Kombination von Landschaftspflege und regionaler Wertschöpfung entstehen stabile Wirtschaftskreisläufe, die weniger abhängig von externen Faktoren sind und langfristige Perspektiven bieten.

Gesellschaft
Auf gesellschaftlicher Ebene stärkt Landschaftspflege das Gemeinschaftsgefühl und die regionale Identität.
Gemeinsame Pflegeprojekte, etwa durch Vereine, Gemeinden oder Ehrenamtliche, fördern Beteiligung und Verantwortungsbewusstsein. Die Landschaft wird als gemeinsames Gut wahrgenommen, das es zu bewahren gilt. Gleichzeitig verbessert eine gepflegte Umwelt die Lebensqualität, bietet Räume für Erholung, Begegnung und Gesundheit und wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Landschaftspflege kann zudem Bildungsprozesse anstoßen, etwa durch Umweltbildung oder generationenübergreifende Projekte, und trägt so zu sozialem Zusammenhalt und regionaler Verbundenheit bei.
WICHTIGE OFFENLAND-LEBENSRÄUME BEWAHREN
Schlüssel für eine lebendige Kulturlandschaft im Saale-Unstrut-Gebiet
Wer durch das Saale-Unstrut-Gebiet wandert, sieht mehr als „schöne Natur“: Steilhänge aus Muschelkalk, wärmeliebende Trocken- und Halbtrockenrasen, Weinberge durchzogen von Trockenmauern, Streuobstwiesen und offene Weideflächen durchsetzt mit kleinen Gebüschinseln formen eine Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte durch Nutzung entstanden ist. Gerade diese Offenland-Mosaike sind heute Hotspots der Biodiversität – und zugleich empfindlich. Ohne regelmäßige Nutzung verbuschen sie, verlieren ihre typischen Arten und werden im Laufe weniger Jahre strukturell eintöniger. Extensiv durchgeführte Beweidung wirkt hier, wie ein präzises, naturverträgliches „Pflegeinstrument“: Schafe und Ziegen halten Flächen offen, schaffen Vielfalt im Kleinen und bewahren so das charakteristische Landschaftsbild.
Offenhalten funktioniert am besten mit Weidetieren
Trocken- und Halbtrockenrasen sind auf nährstoffarmen, häufig steilen Standorten zuhause. Genau dort ist maschinelle Pflege aufwändig, teuer oder schlicht riskant. Beweidung löst dieses Problem elegant: Tiere erreichen Hänge, Kuppen und schmale Saumstrukturen, ohne Boden zu verdichten wie schwere Technik, und sie arbeiten „selektiv“ – sie treten, zupfen, lassen stehen, kehren zurück. So entsteht ein kleinteiliges Muster aus kurzgefressenen Bereichen, höheren Altgrasinseln und offenen Bodenstellen. Dieses Strukturmosaik ist die Grundlage für viele spezialisierte Pflanzen und Insekten.
Wie schnell der Verlust ohne Nutzung gehen kann, beschreibt auch das Umweltbundesamt: Wird extensiv genutztes Dauergrünland aufgegeben, verbuscht es oder wird aufgeforstet – und die artenreichen Offenland-Lebensräume gehen verloren. Weidetiere, oft Schafe oder Ziegen, halten diese Flächen durch ihr Abgrasen offen und erhalten wertvolle Lebensräume. (Umweltbundesamt)
Biodiversität messbar fördern – mit beeindruckenden Richtwerten
Extensive Beweidung ist keine „romantische Idee“, sondern biologisch gut begründet. Kalkmagerrasen zählen zu den artenreichsten Grünlandlebensräumen Europas. Spitzenwerte können – bei passender Nutzung – bis zu 60 Pflanzenarten pro Quadratmeter erreichen. (Bayerische Akademie Naturschutz) Solche Dichte an Arten ist kein Selbstzweck: Viele Insekten, darunter Wildbienen und Schmetterlinge, sind an bestimmte Wirtspflanzen gebunden. Je mehr Pflanzenarten dauerhaft vorkommen, desto stabiler sind Nahrungsnetze – und desto höher ist die ökologische Resilienz gegen Dürrejahre oder Schädlingsdruck.
Für das Saale-Unstrut-Gebiet ist das besonders relevant, weil hier Mager- und Trockenrasen an den Saale- und Unstrut-Steilhängen in großer Vielfalt vorkommen und für die Arbeit des Geo-Naturparks zu den zentralen Ziel-Lebensräumen gehören. Das Umweltministerium Sachsen-Anhalt hebt für auch für das Naturschutzgroßprojekt ausdrücklich den Erhalt und die Pflege dieser gefährdeten Lebensräume hervor und nennt beispielhaft seltene und gefährdete Arten (u. a. Orchideen und spezialisierte Schmetterlinge), die auf solche Offenlandstrukturen angewiesen sind. (Landesportal Sachsen-Anhalt)
Regionale Praxis: Wir zeigen, wie es geht
Extensive Beweidung wird im Saale-Unstrut-Kontext längst praktisch umgesetzt und weiter ausgebaut. Der Geo-Naturpark berichtet, in der Region im Burgenlandkreis und Saalekreis inzwischen fast 70 Hektar beweidete Trockenrasen zu betreuen (u. a. Haineberg, Kreipitzsch, Naumburg-Almrich, Steinklöbe, Kuhberg bei Gröst, Spielberg) (naturpark-saale-unstrut.de). Dabei handelt es sich um ganz verschiedene Kulissen - von der Beweidung mehrerer Hektar großer Bergkuppen bis hin zu kleinteilig verstreuten Splitterflächen. Solche Zahlen sind wichtig, weil sie zeigen: Beweidung ist skalierbar – von der Einzelkulisse bis zu einem Netz aus Trittsteinen im Biotopverbund.
Nutzen über den Naturschutz hinaus: Klima, Boden, Wasser, Tourismus
Extensive Beweidung wirkt nicht nur „für Arten“, sondern auch für Landschaftsfunktionen. Offen gehaltene Hänge reduzieren die Gefahr, dass sich dichte Gehölzbestände etablieren, die Pflegeschneisen verschließen und Wege, Aussichtspunkte oder Trockenmauern überwachsen. Gleichzeitig stabilisieren gut entwickelte kräuterreiche Grasnarben den Boden, reduzieren Erosionsprozesse an Steillagen, binden Kohlenstoff über ihr weit verzweigtes Wurzelsystem und fördern die Versickerung von Niederschlägen – ein Vorteil in Zeiten häufigerer Starkregen.
Dazu kommt der kulturelle und ökonomische Wert: Weidelandschaften prägen Identität, schaffen Lebensqualität, sind attraktiv für naturverträglichen Tourismus und vermitteln „Lesbarkeit“ der Landschaft. Mit einer naturverträglichen Nutzung werden die Flächen für die Landwirtschaft auch ökonomisch in Wert gesetzt. Genau deshalb werden Beweidungsprojekte zunehmend als Teil von Regionalentwicklung verstanden – als Verbindung von Naturschutz, Bildung, lokaler Wertschöpfung und Besucherlenkung.
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Die entscheidende Voraussetzung: Schäfereien sichern
So groß der Nutzen ist: Er hängt daran, dass es Menschen gibt, die Weidewirtschaft professionell betreiben. Hier zeigen Statistiken eine klare Dringlichkeit. Laut Umweltbundesamt gibt es heute nur noch rund 1.000 Berufsschäfereien in Deutschland; der Schafbestand hat sich seit den frühen 1990er Jahren etwa halbiert. Auch in der Saale-Unstrut-Region ist ein rückläufiger Trend bei Betriebs- und Tierzahlen zu beobachten. Gleichzeitig haben rund 85 % der Schafe in Deutschland Weidegang – Weidehaltung ist also der Normalfall, aber die Betriebe werden weniger (Umweltbundesamt; Sozioökonomische Analyse im Naturschutzgroßprojekt). Das bedeutet: Wer Kulturlandschaft erhalten will, muss auch Weidetierhaltung und Landschaftspflege-Betriebe stärken – durch verlässliche Flächenkulissen, entbürokratisierte Förderzugänge und faire Honorierung der Pflegeleistung.
Fazit: Extensive Beweidung ist Investition in Zukunftsfähigkeit
Im Saale-Unstrut-Gebiet ist extensive Beweidung ein fachlich gut begründeter, praxisbewährter und gesellschaftlich wertvoller Ansatz. Sie erhält die offene Kulturlandschaft, verbessert den Zustand schützenswerter Lebensräume wie Trocken- und Halbtrockenrasen, schafft messbar hohe Artenvielfalt und verbindet Naturschutz mit nachhaltiger Landnutzung und regionaler Identität. Die vorhandenen Projekte und Flächenumfänge zeigen: Der Weg ist eingeschlagen – und jede weitere Weidefläche ist nicht nur Pflege, sondern aktive Zukunftsgestaltung der Saale-Unstrut-Landschaft.

Wussten Sie eigentlich schon:
Extensive Beweidung fördert die Artenvielfalt im Offenland, da sie strukturreiche Lebensräume schafft. Auf extensiv beweideten Kalktrockenrasen wurden beispielsweise 25 Tagfalterarten, 6 Vogelarten der Roten Liste und durchschnittlich bis zu 10 Heuschreckenarten pro Untersuchungsfläche nachgewiesen.
Quelle: offenlandinfo.de - HS Anhalt
Extensiv bewirtschaftete europäische Grasländer erreichen bis zu 89 Gefäßpflanzenarten auf nur 1 m² und gehören damit zu den artenreichsten Ökosystemen weltweit.
Quelle: Schneider; Hering (2024) Effects of extensive grazing and mowing compared to abandonment on the biodiversity of European grasslands: A meta-analysis, https://doi.org/10.1111/avsc.70003
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